1. Petition und Faktenlage – Was ist passiert?
Mit der Petition „Kahlschlag am RPI“ machen wir öffentlich, was viele kirchlich engagierte Menschen in der Schweiz seit Jahren wahrnehmen: Der schleichende Abbau am Religionspädagogischen Institut Luzern (RPI) hat eine lange Vorgeschichte – und steht nun an einem kritischen Punkt. Viele, die ich persönlich eingeladen habe, die Petition zu unterzeichnen, wussten nicht, wann und wie dieser Abbau stattgefunden hat. Hier deshalb die wichtigsten Entwicklungen:
- 2021 leitete die Theologische Fakultät Luzern einen sogenannten Synergieprozess ein. Ziel war es, die Studiengänge der Fakultät organisatorisch zusammenzuführen – auch aus Spargründen aufgrund rückläufiger Studierendenzahlen.
- In der Folge wurden zentrale Elemente der religionspädagogischen Ausbildung aufgelöst: die spezifisch auf RPI-Studierende zugeschnittenen Lehraufträge in Kirchengeschichte, Neues Testament und Philosophie entfielen. Künftig sollten RPI-Studierende dieselben Vorlesungen wie Theologiestudierende besuchen – inhaltlich nicht abgestimmt auf deren berufliche Praxis.
- Anfang 2025 wurde zudem das Arbeitsverhältnis der Dozentin für Dogmatik, Fundamentaltheologie, Liturgie, Sakramentenkatechese und Ökumene per Ende des Studienjahres nicht verlängert. Auch eine weitere Dozentin, die im Bereich homiletischer Bildung tätig war, sowie die langjährige Sekretärin wurden entlassen. Und die Stelle einer weiteren RPI-Mitarbeiterin, die das Institut Ende Studienjahr verlässt, wird nicht ersetzt.
Diese Entwicklungen führen nicht nur zu einem Verlust an Qualität, Profil und Anbindung an die kirchliche Praxis – sie gefährden ein ganzes Berufsbild.
👉 Die Petition kann hier unterschrieben werden: www.openpetition.eu/!petitionrpi
2. Warum mich das betrifft
Ich bin Absolventin des RPI Luzern. Heute leite ich die Jugendseelsorge der katholischen Kirche im Kanton Zürich. Mein Weg in diese Leitungsfunktion war nur möglich, weil ich durch das RPI eine theologisch fundierte, zugleich praxisnahe Ausbildung erhalten habe – und weil ich als Berufsfrau ohne Matura Schritt für Schritt in die Sprache und Reflexionskraft der Theologie eingeführt wurde.
Bereits vor über 20 Jahren absolvierte ich die 3-jährige Ausbildung zur Katechetin, die heute der Formodula-Ausbildung entspricht. Doch erst im RPI erschlossen sich mir theologische Welten: Dogmatik, Fundamentaltheologie, Liturgie, Bibelwissenschaft, Ethik, Psychologie, Kirchengeschichte, Philosophie etc. – abgestimmt, begleitet, und auf die kirchliche Praxis bezogen. Ich lernte, mit Theologinnen und Theologen auf Augenhöhe zu reflektieren. Das RPI war mehr als eine akademische Station – es war ein geistlicher und beruflicher Weg.
Und ich bin nicht die Einzige: Viele Absolvent:innen des RPI sind heute in leitenden oder spezialisierten Funktionen tätig – in der Seelsorge, der Bildungsarbeit, der Pastoral oder als Führungskräfte in kirchlichen Institutionen. Sie leisten wertvolle Arbeit, weil sie eine abgerundete Ausbildung durchlaufen haben, die Theorie und Praxis miteinander verbindet.
3. Was auf dem Spiel steht
Das RPI war eine einzigartige Ausbildungsform für kirchlich engagierte Menschen, die nicht unbedingt akademisch, wohl aber theologisch fundiert und praktisch unterwegs sein wollten. Es war ein Ort der Entfaltung, ein Lernort auf Augenhöhe. Integrierte Praxisanteile, persönliche Begleitung, Verknüpfung von Theorie und Berufswelt – das war das Herzstück des RPI.
Die Ausbildung war nicht modular oder beliebig zusammenstellbar. Sie war als Ganzes gedacht – über vier Jahre hinweg. Jede Einheit, ob Ethik oder Liturgie, ob Psychologie, Pädagogik oder Sakramentenkatechese, baute aufeinander auf und wurde mit Praxiseinsätzen verbunden. Was ich im Unterricht lernte, konnte ich im kirchlichen Alltag anwenden – und umgekehrt.
Dass nun alles „in die Fakultät integriert“ werden soll, bedeutet einen Bruch. Auch wenn es künftig weiterhin möglich sein wird, Religionspädagogik zu studieren – es ist nicht mehr dasselbe. Der Zugang ist höher, die Inhalte verschulter, das Gemeinschaftsgefühl brüchig. Was verloren geht, ist die Kultur eines gemeinsamen Lernens im Dienst der Kirche.
Die Sparmassnahmen mögen nachvollziehbar sein – sinkende Anmeldezahlen betreffen alle theologischen Hochschulen. Doch was hier verlorengeht, ist nicht nur ein Studiengang, sondern ein durchdachtes, ganzheitliches Ausbildungsmodell, das andernorts (z. B. in Deutschland oder Österreich) längst als akademischer Standard gilt. In Luzern hingegen wurde es aus strukturellen Gründen zerschlagen – ohne einen adäquaten Ersatz für jene, die praxisnah und theologisch fundiert arbeiten wollen.
4. Was jetzt wichtig ist – Bildung für die Kirche von morgen
Ich plädiere nicht für eine Rückkehr in alte Strukturen. Aber ich frage – und lade zum Mitdenken ein:
Welche Ausbildung dient den Menschen heute?
Wir wissen, dass die Kirchenmitgliederzahlen sinken. Wir wissen, dass sich viele Menschen nicht mehr beheimatet fühlen. Und wir wissen, dass junge Menschen neue Formen der Begleitung suchen. Gerade deshalb braucht es kirchliche Mitarbeitende, die breit ausgebildet, spirituell verankert und gesellschaftlich anschlussfähig sind. Und dafür braucht es neue Bildungswege.
Diese Bildungswege müssen gemeinsam gedacht werden – nicht im Wettbewerb, sondern im Dialog. Heute bestehen verschiedene Ausbildungsgänge: Formodula, CAS-Programme, duale Studiengänge, reformierte Bildungsangebote. Jeder nimmt dem anderen potenzielle Studierende weg – obwohl alle das Gleiche wollen: Kirche lebendig halten.
Darum braucht es jetzt einen überinstitutionellen Austausch – zwischen Ausbildungsstätten, Fachstellen, kirchlichen Trägerschaften und Menschen aus der Praxis. Nur gemeinsam können wir herausfinden, was künftige Mitarbeitende brauchen, um in 5 oder 10 Jahren glaubwürdig, lebensnah und theologisch kompetent wirken zu können.
5. Ein Plädoyer für gemeinsame Verantwortung
Was mit dem RPI verloren geht, ist nicht nur eine Ausbildungsstätte. Es geht um eine Haltung: praxisnah, geistlich, theologisch fundiert, rund, vernetzt, durchdacht. Diese Haltung braucht neue Formen, aber sie darf nicht verschwinden.
Deshalb mein Appell: Lasst uns jetzt gemeinsam Verantwortung übernehmen – und Bildung für die Kirche von morgen gemeinsam weiterdenken.
👉 Die Petition kann hier unterschrieben werden: www.openpetition.eu/!petitionrpi
