Ein neues Kapitel startet
Ich kam damals aus einer Zeit des Umbruchs. Kurz zuvor hatte ich mein Filmstudium abgeschlossen, war aus dem Jesuitenorden ausgetreten und hatte fünf Jahre in der Hochschulseelsorge am aki Zürich gearbeitet. Entsprechend kam ich mit einem grossem Erfahrungsreichtum – und gleichzeitig mit vielen Fragen und einer Neufindung meiner Selbst. Es war der Beginn eines neuen Kapitels, von dem ich damals noch nicht ahnte, wie prägend es werden würde. Es sollte ja nur eine Übergangslösung sein…
Zeiten des Wandels
Wenn ich heute zurückblicke, staune ich, wie stark sich die Jugendseelsorge in diesen Jahren verändert hat. Damals arbeiteten wir noch mitten in Zürich, im altehrwürdigen Haus Auf der Mauer, das mit einer eigenen Kapelle ausgestattet war. Es gab keine AKJ‘s, d. h. regionalen Aussenstellen, dafür eine Jugendberatung und eine Lernhilfestelle, die viele junge Menschen unterstützten. Heute arbeiten wir im OMG! In Wiedikon, gemeinsam mit der Caritas und weiteren Organisationen, die mit jungen Menschen arbeiten.
In all diesen Veränderungen blieb für mich eine Frage immer dieselbe: Wie können wir junge Menschen und die Menschen, die sich für sie engagieren, bestmöglich begleiten? Diese Frage war für mich wichtiger als Strukturen oder Organigramme. Sie war der Kompass durch all die Veränderungen.
Wichtige Meilensteine
Besonders dankbar bin ich für die vielen Projekte, die ich mit entwickeln und ausprobieren durfte. Das Geistlabor, gemeinsam mit jenseits im Viadukt , war ein Ort des Experimentierens. Wir machten Spiritualität erfahrbar und entdeckten neue Formen, wie suchende Menschen mit ihrer eigenen Spiritualität in Berührung kommen können, indem sie andere Formen ausprobierten und darüber reflektierten.
Mit „Sag’s dem Papst“ waren wir in einem alten VW-Bus unterwegs und fragten junge Menschen, was sie der Kirche und dem Papst sagen würden.
Auch digitale Spiritualität beschäftigte uns früh. Mit dem SpiritChat entstand ein Gottesdienst auf WhatsApp – damals ein mutiges Experiment. Heute wirken solche Formate selbstverständlich, damals waren sie Neuland.
Ein weiteres Herzensprojekt wurde das Friedenslicht. Vor ca. fünf Jahren durften wir den Hauptstützpunkt Zürich übernehmen und diesen Anlass weiterentwickeln. Das Friedenslicht verbindet für mich vieles, was Kirche sein kann: Hoffnung schenken, Gemeinschaft ermöglichen und mit einem einfachen Zeichen Menschen berühren.
Ein grosser Einschnitt war die Covid-Pandemie. Plötzlich mussten Begegnungen neu gedacht werden. Homeoffice, digitale Angebote und neue Formen der Begleitung wurden Teil unseres Alltags. Gleichzeitig wurde sichtbarer denn je, wie viele Jugendliche psychisch belastet sind. Daraus entstand der Wunsch, Seelsorge wieder stärker als Begleitung für junge Menschen in Krisen zu etablieren. Dieses Anliegen konnte leider nicht weiterverfolgt werden. Rückblickend stellt sich mir die Frage, ob es richtig war, gewisse Beratungsangebote abzuschaffen, wenn es, v. a. nach Covid überall an Beratungsangeboten für jungen Menschen fehlt.
Neben all den Projekten gab es auch viele organisatorische Veränderungen: neue Strukturen, neue Teams, ein neuer Standort. Die Jugendseelsorge hat sich immer wieder neu erfunden und sich den gesellschaftlichen Entwicklungen angepasst.
Intensive wertvolle Entwicklungen
Ich durfte diese Veränderungen nicht nur miterleben, sondern an vielen Stellen auch mitgestalten.
Vor allem aber haben mich diese Jahre persönlich geprägt. Ich durfte Ideen entwickeln, Verantwortung übernehmen, Neues wagen und aus Erfolgen wie auch aus Fehlern lernen. Als Team haben wir intensive Prozesse gemacht, vieles ausprobiert und einiges wieder verworfen. In dieser Zeit ist meine eigene Haltung weiter gereift – die Überzeugung, dass Spiritualität dort lebendig wird, wo Menschen sich ernst genommen fühlen, Fragen stellen dürfen und authentische Begleitung erleben. Oder anders gesagt, da, wo ein Raum entsteht, wo sich der Mensch, mit allem, was ihn ausmacht, gesehen wird und er oder sie sein darf, wie er oder sie ist.
Neubeginn näher bei den Menschen
Es war nur eine logische Konsequenz, dass je länger ich arbeitete, der Wunsch wieder näher bei den Menschen zu sein, stärker wurde – nicht in erster Linie in Projekten oder Konzepten, sondern in der direkten Begleitung. Dieser Wunsch führte mich schliesslich zur Spitalseelsorge.
So darf ich im Spital Limmattal Patientinnen, Patienten und Angehörige in oft herausfordernden Lebenssituationen begleiten. Ein neuer Anfang – und gleichzeitig wie eine Fortsetzung dessen, was mich all die Jahre getragen hat: Menschen in wichtigen Momenten ihres Lebens zur Seite zu stehen.
Danke für so vieles…
Ich schaue dankbar auf die letzten dreizehn Jahre zurück. Ich hätte mir sicherlich einige Entwicklungen anders gewünscht, weiss aber dass ich gerade dadurch mehr zu dem geworden bin, der ich heute bin. Es bleibt eine Dankbarkeit für die vielen Menschen, denen ich begegnen durfte. Für das Vertrauen, das mir geschenkt wurde. So endet ein prägendes Kapitel meines Lebens. Die Erfahrungen, Freundschaften und Erinnerungen nehme ich mit. Und ich freue mich auf alles, was nun vor mir liegt.
Euer Adrian
